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Arthur Geiss, einer der Großen fährt nicht mehr!

In Chemnitz bei der Auto-Union traf ich Arthur Geiss, aber nicht im Rennsattel, sondern am Schreibtisch. Und das traurigste dabei ist, dass er wohl nie wieder in einen Rennsattel steigen wird.
Sein linker Arm, der eine Weile sogar gelähmt war, wird wohl nie wieder so werden, dass er ein Straßenrennen fahren kann.

Arthur Geiss ist am 12.4.1903 in Hockenheim geboren, wo sein Vater eine Reparaturwerkstatt hatte. Die Familie Geiss scheint überhaupt stark motorisiert gewesen zu sein, denn sein Bruder hatte ebenfalls eine Spezial-Motorradwerkstatt in Pforzheim, in die Arthur Geiss nach Beendigung seiner Schulzeit eintrat und als Motorradmechaniker lernte. Gelegentlich fuhr er auch mal heimlich Motorrad. Im Jahre 1921 bekam er dann seinen Führerschein und bereits zwei Jahre später beteiligte er sich schon an den ersten Rennen. Von seinem Bruder bekam er seine zweizylindrische 500er NSU, mit Riemenantrieb und Hinterradfederung für die Rennen geliehen. Übrigens fuhr Rudolf Caracciola auf demselben Modell ebenfalls seine ersten Rennen.

Geiss fuhr nun ein Jahr lang alle für ihn erreichbaren süddeutschen Rennen mit, die Woche über arbeitete er bei seinem Bruder in der Werkstatt und oft erst Sonnabendnachmittag war es ihm möglich, zur Rennstrecke zu fahren. Sein erstes Rennen überhaupt war eine. Dieses erste Jahr als Rennfahrer war für Arthur Geiss so erfolgreich, dass er im nächsten Frühjahr von NSU eine Maschine gestellt bekam. Es war schon ein neues Modell mit Dreiganggetriebe und Kettenantrieb. Als Geiss ins Werk nach Neckarsulm kam, meinte der damalige Rennleiter Kohler zu ihm, er solle doch lieber eine kleine Maschine fahren, die 500er sei viel zu schwer für ihn. Und wer den kleinen zierlichen Arthur Geiss kennt, der wird das bestätigen. Aber Geiss wollte doch lieber eine 500er fahren. Er war in diesem Rennjahr nicht übermäßig erfolgreich. Die NSU hatte weder Steuerungs- noch Stoßdämpfer und war von Geiss kaum zu halten. Nebenbei fuhr er noch andere Fabrikate, da er ja mit NSU keinen Fabrikvertrag hatte. Von Freunden bekam er neben einer wassergekühlten 175er OHV-Wimmer noch eine Garelli und eine AJS geliehen. Auch eine DKW fuhr er gelegentlich mal in einigen der damals recht häufigen kleinen Rennen.

Weil er mit dieser Maschine einige Erfolge hatte, durfte er im Jahre 1925 in der Deutschlandrundfahrt eine 120-ccm-DKW vom Werk fahren. Zwölf Mann war die offizielle DKW-Mannschaft stark und Geiss gelang es als einzigem dieser zwölf eine Goldmedaille zu erwischen. Außer einer Geldprämie schenkte man ihm bei DKW die Maschine, die er gefahren hatte. Die Maschine verkaufte er und von dem Erlös und seiner Prämie konnte er sich endlich seine langersehnte erste eigene Rennmaschine kaufen. Es war wieder eine 175er (Wimmer) wie er sie schon früher gefahren hatte, die aber viel zu empfindlich war. Aber eines Tages hatte er mal wieder das Glück, ohne das es kein Rennfahrer zu etwas bringt, auf seiner Seite und bekam von DKW eine wassergekühlte 175er Rennmaschine gestellt. Das war 1926. Die Maschine hatte lediglich eine Kupplung, aber noch kein Getriebe. Mit dieser Maschine fuhr er das ganze Rennjahr 1926 sehr erfolgreich, fast nur 1. und 2. Preise, so dass er für die nächste Saison einen Fabrikvertrag erhielt. Er wohnte weiter in Pforzheim, hatte aber immer zwei oder drei Werksmaschinen bei sich stehen und alle Ersatzteile dazu. Sämtliche Arbeiten an den Maschinen erledigte er neben seiner Berufsarbeit noch selbst. Im Jahre 1927 bekam er dann auch noch seine 250er Rennmaschine geliefert.

Wenn irgendwo in Europa ein bedeutendes Rennen war, so bekam Arthur Geiss vom Werk eine Mitteilung, dass er starten solle und pünktlich erschien er am Rennplatz, ganz gleich ob in Deutschland oder in Italien, Holland oder Schweden. Und fast überall wo er erschien, war er siegreich! Arthur Geiss gehörte zu den Meisterfahrern der Welt! Fünfmal im Laufe seiner aktiven Rennfahrerzeit war er deutscher Meister und im Jahre 1935 sogar Europameister. Seine Heimatstadt Hockenheim ernannte ihn 1933 zum Ehrenbürger.

Einer seiner größten Erfolge war wohl auch der 3. Platz in der englischen TT 1936. Im Jahre 1935 fuhr er die TT das erste Mal mit. Ein Jahr später gelang es ihm bereits, den 3. Platz zu belegen. Noch nie seit Bestehen der englischen TT, dem bedeutendsten Straßenrennen der Welt, ist ein Deutsche so weit in der Wertung heraufgerückt. Und die TT gibt es seit 1907. Geiss hatte übrigens den sicheren 1.Platz schon in der Tasche, als ihn dauerndes Kerzenwechseln zurückwarf. Außerdem verlor er seine Rennbrille und musste einige Runden ohne fahren.
Arthur Geiss ist ein Fahrer, wie es ihn nur ganz selten einmal gibt. Eine Karriere und ein Können, das jeden unserer Nachwuchsfahrer neidisch machen kann.

Nun sitzt er hier in Chemnitz vor mir, der kleine sympathische und bescheidene Arthur Geiss, den wir alle nur in Lederdress und der unvermeidlichen Baskenmütze kannten und erzählt mit traurigem Gesicht, dass er nie wieder fahren wird. Was das für ihn heißt, können wir uns kaum vorstellen.
Sein letztes Rennen fuhr er als Sieger im Oktober 1936 in Wien. Im Jahre 1933 war er für immer nach Zschopau gezogen und hatte außer Rennen auch alle großen Gelände- und Zuverlässigkeitsfahrten mitgefahren. Am 6. November 1936 hat es ihn dann erwischt. Die Rennfahrer des DKW-Stalles waren mit ihren Maschinen auf der Fahrt von Zschopau nach Chemnitz zu einer Siegerehrung. Geiss hätte die Strecke im Schlaf fahren können, so gut kannte er sie. Die Straße war trocken und man hatte allerhand Tempo stehen. Da löst sich bei Geiss die Wasserablassschraube am Kühler, das Hinterrad rutscht auf der nun nassen Straße aus, Geiss fängt die Maschine noch einmal ab, muss aber dann endgültig zu Boden. Die Bilanz war traurig: eine Armlähmung, ein Kniegelenkbruch und eine Menge Fleischwunden. Den Arm kann er wieder bewegen, aber zum Rennfahrer langt's nicht mehr.

Aber wer denkt, Arthur Geiss bezöge in Chemnitz auf seinem Büroposten sein Gnadenbrot, der irrt sich. Geiss ist ein Mann mit sehr viel Können, Wissen und Erfahrung. Als Assistent des Rennleiters, Herrn Meurer, werden wir ihn in Sommer auf allen großen Rennplätzen sehen, wo er Gelegenheit haben wird, dem Nachwuchs der Auto-Union mit Rat und Wissen zur Seite zu stehen.
Nur, meint Arthur Geiss, es ist bitter, wenn die anderen fahren und man zusehen muss. Man wünscht sich einen Drehgriff in der Hand und es geht doch nicht mehr.

Michael Heise

In: Motor und Sport, 1938



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